Junger Mann – altes Handwerk

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Streckenweise scheint es, als sei die Zeit stehen geblieben. Kein Auto weit und breit. Die Straße sandig oder mit Schotter bedeckt. Die Häuser aus Holz. Und auf der Wiese am Straßenrand eine wiederkäuende Kuh – angekettet. Dabei wissen wir, dass der Eindruck täuscht. Estland ist der modernste der drei baltischen Staaten. In fast jeden Restaurant erwartet den Gast neben gutem Essen auch ein Wi-Fi. Fast an jeder Ecke hat man Handy-Empfang. Und die jungen Leute sind gut ausgebildet und sprechen vielfach fließend Englisch.

Wir waren zu einer Fahrt in den Norden Saaremaas aufgebrochen. Die meisten Attraktionen und Menschen konzentrieren sich in den Großraum Kuressaare. Im Norden ist es noch menschenleerer als menschenleer. Allerdings weisen hin und wieder braune Schilder auf Sehenswürdigkeiten hin. Eine ist der Bauernhof Mihkli (Mihkli talumuuseum) beim Dorf Viki. Wobei „talu“ für „Bauernhof“ steht. Die Anlage besteht auch etlichen Gebäuden – dennoch handelt es sich um einen einzelnen Hof, den der damalige Besitzer samt Inventar dem Museum von Saaremaa schenkte.

Die Museums-Mühle
Die Museums-Mühle

Als wir ankommen, stehen etliche blitzsaubere und geschmückte Autos auf dem Parkplatz: Eine Hochzeitsgesellschaft. Die jungen Leute drücken sich mit genauso großen Augen in den dunklen Scheunen und Ställen herum, wie wir. Hier sind Heugabeln und Schaufeln aufgebaut, alte Dreschmaschinen und im Halbdämmer reihen sich alte Schlitten aneinander. Die Exponate sind alle nummeriert, Handzettel auf Estnisch, Deutsch, Finnisch und Russisch geben detailliert über die Stücke Auskunft.

Wollte man alles genau besehen, würde man Stunden benötigen. Doch draußen scheint die Sonne, Kinderlachen hallt durch den Obstgarten mit alten Apfelbäumen. Vor dem ehemaligen Wohnhaus drängelt sich die Hochzeitsgesellschaft in festlichen Sommerkleidern. Daneben liegt eingezäunt der Bauerngarten mit bunten Blumen und Gemüse.Es duftet nach Sommer. Aber es klingt auch nach Arbeit.

Sim Samder Trave schmiedet
Sim Samder Trave schmiedet

Pling. Pling. Pling. Regelmäßig wiederholt sich das helle Geräusch. Pling. Pling. Pling. Wir gehen ihm nach und gelangen zu einem grauen, unscheinbaren Steinhaus. Vorsichtig ziehen wir den Kopf ein, als wir eintreten. Die Türe ist arg niedrig. Der Raum ist klein und dämmerig. Einzige Farbflecken: Roter Feuerschein und ein blaues T-Shirt. Siim-Sander Trave schmiedet ein dünnes Stück Eisen. Pling. Pling. Pling. Das Ende ist glühend rot. Der junge Schmied greift nach dem Griff des riesigen Blasebalges und facht das Feuer an. Routiniert und sicher sind seine Handgriffe. Wir sind fasziniert.

Siim-Sander Trave ist 16 Jahre alt. Das Handwerk des Schmieds hat der Schüler von seinen Eltern gelernt. Und erklärt uns auf Englisch, dass es ein Hufeisen ist, was da gerade unter seinen Händen entsteht. Zahlreiche Schmiedearbeiten hängen an den russgeschwärzten Wänden – einige kann man kaufen. Wir unterhalten uns eine Weile mit dem jungen Mann, der den alten Hof mit Leben füllt. Eine schöne Idee.

Weitere Freilichtmuseen in Estland:
Das bewohnte Museumsdorf Koguva auf der Insel Muhu (bei Saaremaa)> www.muhumuuseum.ee

Das estnische Freilichtmuseum Rocca al Mare mit umfangreicher Sammlung bei Tallinn         > www.evm.ee

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Gemeinsames Autorenportrait sab whe_bearbeitet-1

 

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